Fantasie Japan! Fantasie Deutschland!

Fantasie Japan! Fantasie Deutschland! 01

Meine Master Abschlussarbeit an der Universität der Künste Berlin ist ein Filmaustauschprojekt zwischen deutschen und japanischen Jugendlichen. „Fantasie Japan! Fantasie Deutschland!”. Das Projekt besteht aus mehreren Workshops, in denen die Jugendlichen der verschiedenen Länder ihre eigenen Vorstellungen des Partnerlandes in kurzen Filmen ausdrückten. Die so entstandenen Filme wurden ausgetauscht und im jeweiligen Land angeschaut und kommentiert. Diese Kommentare gingen an die Filmemacher zurück.

Projektidee durch meine persönliche Erfahrung
Seit ich in Deutschland lebe nehme ich mit Verwunderung die unterschiedliche Einschätzung Japans in der westlichen Vorstellung und meiner eigenen wahr. Mein Erfahrung ist, dass Nicht-Japaner sich schwer in die japanische Gesellschaft hineinversetzen können. Ich bin der Auffassung, dass man einen Ausländer zwar annehmen oder ablehnen kann, jedoch für eine Beurteilung eine wesentliche Voraussetzung ist, ihn zu verstehen.
Es war zu erwarten, dass die teilnehmenden Jugendlichen durch die Filme der Partnerschüler verwirrt sein werden. Trotz dieser möglichen Irritation konnten sie erfahren, wie das eigene Land von Fremden gesehen wird und sich mit diesen Ansichten auseinandersetzen.

Ein Deutschlandbild japanischer Jugendlicher

Fantasie Japan! Fantasie Deutschland! Ein Deutschlandbild japanischer Jugendlicher
Typische Begriffe aus Deutschland, die den Japanern einfielen, sind – Wurst, Bier, Fußball, Benz, Umweltschutz, Nazi und Hitler. Die meisten japanischen Schüler können Deutschland nicht von den anderen europäischen Ländern unterscheiden, wie auch deutsche Schüler Japan und China oft durcheinanderbringen.
Aus verschiedenen Informationsquellen möchte ich über die Darstellung Deutschlands in japanischen Themenpartks berichten.
Es überraschte mich, dass eine japanische Schülerin zu Deutschland der Themenpark „Deutsches Dorf” in den Sinn kam, weil das „Deutsche Dorf” ein japanischer Vergnügungsort ist. Die Dächer der Häuser sind dort mit roten Ziegeln gedeckt. Auf dem Rasenplatz kann man Golf spielen und Schlitten fahren. Im Restaurant werden italienische Pizza und deutsche Gerichte angeboten. An jedem Wochenende kann man in praktischen Kursen erleben, wie Brot gebacken wird. Die Maskottchen dieses Themenparks sind zwei „Schweinengel”, kleine Schweinchen mit Flügeln.
Der Besuch in einem Auslands-Themenpark, der in dem Stil des jeweiligen Landes gestaltet ist, hat Parallelen mit dem Besuch auf einer Webseite dieses Landes. Man muss sich nicht mit dem Ausland auseinandersetzen, sondern braucht nur in diesen vorbereiteten Ort hinein zu gehen, um oberflächliche Eindrucke darüber zu erlangen und dabei ist es belanglos, ob der Themenpark richtig über das Ausland aufklärt. Mein Eindruck ist, dass es den meisten Japanern nicht wichtig ist, über das Ausland und damit auch über Deutschland gut informiert zu sein. Wichtig ist ihnen ein Bild von Deutschland zu bekommen, von dem sie glauben können, dass es mit Deutschland zu tun hat.

Ein Japanbild deutscher Jugendlicher

Workshop - Fantasie Japan! Fantasie Deutschland! Ein Japanbild deutscher Jugendlicher
Es gibt da einen Kontrast zwischen der modernen Technik und der traditionellen Kultur in Japan. Dieser Kontrast wird als reizend und interessant wahrgenommen. Die Figuren „Samurai”, „Geischa” oder „Ninja” in japanischen Filmen vermitteln den Zuschauern, dass die Japaner ihre Tradition pflegen würden. Im Gegensatz dazu steht das futuristische Bild eines Landes entwickelter Thechnologie wie: Autos, Handys oder Roboter.
Aus vielen Darstellungen Japans möchte ich folgende Artikel vorstellen.
So wird berichtet, dass das japanische Außenministerium durch einen stärkeren Einsatz der Popkultur wie Manga, Anime und Musik eine Neuausrichtung der auswärtigen Kulturpolitik anstrebe. So soll ein internationaler Manga-Preis für junge ausländische Manga-Zeichner vergeben werden.Hintergrund dieses Projekts sei die Verschlechterung des Japanbildes in China und Südkorea. Jedenfalls wird das gesagt. (Mai 2006)
Das japanische Außenministerium möchte hervorheben, dass die vergnügliche Welt, die Mangas und Animes erzählen, aus Japan kommt und sie will erreichen, dass das Japanbild im Ausland durch die Fantasiewelt geprägt wird. Japan wird auf diesem Weg mehr und mehr außergewöhnlich und seltsam dargestellt, während Japaner davon wenig wahrnehmen.

Themenfindung und den Arbeitsprozess im Workshop
Da die Idee zu meinem Workshop nicht innerhalb eines offiziellen Austauschrahmens entwickelt wurde, suchte ich die Teilnehmer über Bekannte. Die beteiligten Schulen, Lehrer und Schüler hatten kein besonderes Interesse an Deutschland oder Japan, sondern waren einfach bereit, an einem Projekt mitzuwirken.
Das Thema des Workshops sollte die „Geschichte” des eigenen Landes fokussieren, wie ausländische Jugendliche sie sich vorstellen. Die deutschen Lehrer waren aber der Meinung, dass ihre Jugendlichen über die japanische Geschichte außer über Pearl Harbor und Hiroshima nichts wissen.Die Japaner ihrerseits gehen heutzutage vorsichtig mit der Thematisierung der japanischen Geschichte um. Deshalb verlegte ich den Themenschwerpunkt in ein Austauschprojekt.
Zu Beginn des Workshops sammelten die Teilnehmer gemeinsam Assoziationen zum Partnerland. Die Schüler bildeten danach freie Gruppen, jede nahm ein Thema auf und diskutierte über die Ausdrucksmöglichkeiten, über die Gestaltung eines Films.Die Filme der Partnerschüler wurden nach der Aufnahme gezeigt, ohne dass die Teilnemer sich den Film zum Vorbild nehmen sollten.
Die Workshops fanden in Kiel und Berlin und in Ehime, Saitama und Chiba statt, also in 5 verschiedenen Städten.

Film einer der deutschen Jugendgruppe

Workshop - Fantasie Japan! Fantasie Deutschland!_Film einer der deutschen Jugendgruppe
Der erste Schauplatz war Pearl Harbor. Japanischen Soldaten in Flugzeugen starteten einen Überraschungsangriff auf den amerikanischen Stützpunkt.In der zweiten Szene – Hiroshima - saßen zwei „amerikanische“ Soldaten am Tisch. Am Ende des Films bedeckte ein Atompilz die Bildfläche.
Einige japanischen Schüler gaben kritische Kommentare zu diesem Film ab: „Dieser Film zeigt die Japaner nur als Täter. Ich meine, die Auswirkungen der Atombombenabwürfe hätten besser recherchiert werden müssen.”
Der Angriff japanischer Jagdflieger auf den Marinestützpunkt Pearl Harbor ist eines der wichtigsten Ereignisse, das einem Europäer zur japanischen Geschichte einfällt. Das ist für einen Japaner schwer nachvollziehbar. Der Angriff auf Pearl Harbor erscheint in Japan als zweitrangig.
Hiroshima ist für die Japaner eine wichtiges Realität.Es gab einen großen Unterschied in der Wahrnehmung und filmischen Gestaltung dieses Ereignisses: während die japanischen Schüler ihre Betroffenheit zum Ausdruck brachten, versuchten sich die deutschen Schüler an einer überzogenen, eher lustigen Darstellung.

Film einer japanischen Mädchengruppe

workshop - Fantasie Japan! Fantasie Deutschland!_Film einer der japanischen Mädchengruppe
Die erste Szene spielt in einer Kneipe. Die Gäste sagen immer wieder „Ching, Chang, Chong” vor einem Monitor, der Oliver Kahn zeigt. Kahn trifft dann in der Stadt auf Adolf Hitler.
Die japanischen Jugendlichen sahen eine Aufnahme der deutschen Gruppe, die die Idee hatte, in ihrem Film als Japaner „Ching Chang Chong” (Stein-Schere-Papier-Spiel) zu sagen, weil das wie Japanisch klingen würde.Die japanischen Schülerinnen waren nicht dieser Meinung und benutzten diese Worte dann ironisch in ihrem Film.Vor dem Video läuft eine kurze Aufnahme, in der die Schülerinnen ihre Assoziationen vorlesen.
Die Jugendlichen machten sich keine Gedanken über die Bedeutung der historischen oder lebenden Persönlichkeiten, die sie spielen wollten.Der Name „Hitler“ oder „Kahn“ steht nur als Synonym des Charakters im Film. Die Wahrnehmung der bekannten Person durch den Zuschauer stimmt nicht mit dem gespielten Typus überein. Der Film ist deswegen komisch und lustig.Die Darstellung der gespielten Personen ist die unreflektierten Eindrücke, wie die japanischen Jugendlichen die bekannten Personen wahrnehmen.

Was haben die teilnehmenden Schüler im Workshop erfahren und gelernt ?
Neues kennen zu lernen ist ein Lernprozess – die Schüler sind aufgefordert, das Gelernte im Gedächtnis zu behalten. Es wird ihnen zur Gewohnheit, Information als Wissen zu speichern. Information und das daraus resultierende Wissen sollten eigentlich nach Möglichkeit den Anspruch auf Genauigkeit haben. Umfassende Informationen sind verlässlich, aber das eigene Wissen als allein richtig zu betrachten, kann gefährlich sein. Man sollte andere Menschen nicht danach beurteilten, ob sie „richtige“ Kenntnisse haben. Wichtiger sind andere Werte wie seine Menschlichkeit und sein Charakter.
Wenn die Schüler durch den Workshop das erfahren konnten, war mein Projekt sinnvoll, denn sie konnten damit lernen, Toleranz gegenüber anderen Menschen zu entwickeln.
Wie die Schüler des Partnerland auf den eigenen Film reagierten, wurde allein von mir übermittelt; insgesamt waren das zu wenig, um den Schülern die Reaktion der Partner wirklich umfassend zu zeigen. Das wäre allerdings schwerig gewesen, denn die meisten Schüler äußerten sich nicht ausführlich zu den Filmen aus dem Partnerland. Sie sagten nur „Das war gut.”
Ein japanischer Japanologieprofessor sprach sich kritisch über meine Videoaufnahme und mein gesamtes Projekt aus. Er sagte: „Man kann nicht viel sinnvolles über einen Bereich sagen, wenn man nur Ungefähres weiß.“
Meiner Meinung nach ist es wichtig zu wissen, was für ein Bild fremde Menschen vom eigenen Land haben, wie sich das Land für sie anfühlt, was sie nicht wissen, und wie sich das eigene Land für Fremde darstellt. Denn in der Kommunikation spielen Gefühle oft eine größere Rolle als Informationen und Fakten. Das anzuerkennen bedeutet den ersten Schritt hin zu einer Kommunikation.